Warum eine gewerkeübergreifende und ganzheitliche Betrachtung für die Nachhaltigkeit von Gebäuden notwendig ist und wo die wirklichen Herausforderungen der Zukunft liegen, verraten Peter Maag, Vorstand der PGMM AG, und Rainer Strobel, Bereichsleiter Technische Beratung der PGMM AG, im Interview.
1. Was macht ein Gebäude aus Ihrer Sicht wirklich nachhaltig?
Maag: Gebäude müssen ganzheitlich betrachtet werden. Es geht nicht nur um Baumaterialien oder gewerkeübergreifende Technik, sondern es geht vor allem um Prozesse und entsprechende Schnittstellen. Das ist genau der Punkt, an dem wir mit Ingenics bei der Entwicklung einer Grünen Fabrik zusammenarbeiten. Entlang von ökologischen und ökonomischen Schnittstellen gilt es, nachhaltige Lösungen zu finden.
Strobel: Wir kommen traditionell von der technischen Seite. Die technischen Konzepte spielen im Kontext der Nachhaltigkeit eine sehr große Rolle. Wir setzen nachhaltige Lösungen aber immer in enger Absprache mit dem Bauherrn und dem Architekten um. Unser Ziel ist es, gemeinsam Gebäude mit einem minimalen Energiebedarf zu realisieren. Die Optimierung von Einzelaspekten ist deutlich weniger effektiv.
2. Sind die technischen Anforderungen an Nachhaltigkeit gestiegen oder ist das alter Wein in neuen Schläuchen?
Strobel: Die technischen Anforderungen und Lösungen sind im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte definitiv gestiegen. Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Emissionsreduzierung kauft man sich mit Technik und Komplexität ein. Das Energiemanagement wird analog der technischen Systeme deutlich anspruchsvoller und die Anforderungen gehen weit über das heute übliche Sammeln, Darstellen und Analysieren von Verbrauchsdaten hinaus. Energetische Systeme werden mehrdimensional geplant. Unsere Kunden wollen vor allem innovative, aber auch bewährte Lösungen. Klingt vielleicht zunächst nach einem Widerspruch, ist es aber gar nicht. Denn es geht vielmehr darum, neue Komponenten in bewährte Systeme zu integrieren.
3. Inwiefern haben sich die Anforderungen an das Energiemanagement verändert? Welche Kompetenzen müssen Sie neu abdecken?
Strobel: Es geht nicht nur um neue Komponenten, sondern vor allem um das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten. Früher hat man eher eine eindimensionale Planung gemacht, die für jede Anforderung und Verbrauchsstruktur eine entsprechende Erzeugungsstruktur definiert hat. Heute plant man mehrdimensional, um mehr Umwandlungsmöglichkeiten zu haben. Aus Photovoltaik kann man Strom machen und aus Strom wiederum Wärme. Die Komplexität und die technischen Möglichkeiten sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen.
Maag: Konkret bedeutet das auch, dass wir in der Projektorganisation darauf reagiert haben. Projekte aus dem Bereich Green Building werden vom Vorstand und von der Abteilung von Rainer Strobel identifiziert und durch sogenannte Projektdesigner in den frühen Phasen begleitet. So stellen wir sicher, dass eine umfassende Betrachtung von Nachhaltigkeitsthemen in die Projekte einfließt. Und, das muss man klar sagen, das ist ein absolutes Novum und hat für unsere Kunden einen eindeutigen Mehrwert.
4. Haben sich die Anliegen der Kunden grundlegend geändert?
Strobel: Nachhaltigkeit genießt inzwischen einen deutlich höheren Stellenwert bei unseren Kunden. Im Vordergrund stehen messbare Zielwerte für Nachhaltigkeit. Während Nachhaltigkeitsmaßnahmen in den vergangenen Jahren eher als Business Cases betrachtet worden sind, werden sie inzwischen Teil der Zielerreichung. Wir beobachten, dass der Wille zur Umsetzung deutlich gestiegen ist. Während früher das Thema Amortisation ganz oben stand, werden die Projekte jetzt eher aus den Energiezielen heraus entwickelt.
Maag: Die Kunden kommen immer häufiger auf uns zu und haben das Ziel, dass ihre Gebäude, Areale oder Produktionsstätten bis 2030 emissionsneutral oder emissionsfrei sein sollen. Das gab es früher so nicht. Hinzu kommt, dass die Produkte sich ändern und infolgedessen auch die Produktionsprozesse. Und damit sind wir wieder beim Punkt ganzheitliche Betrachtung von Technik, Prozess und Schnittstellen.
5. Was empfehlen Sie Kunden beim Thema Energieeffizienz in bestehenden Gebäuden? Und welchen Anteil nehmen Retrofit-Lösungen ein?
Strobel: Energieeffizienz setzt sich immer zusammen aus einer Komponenteneffizienz und einer System effizienz. Retrofit-Lösungen, also klassische Plug-and-play- Lösungen, knüpfen typischerweise nur an der Komponenteneffizienz an, während aus unserer Erfahrung die systemischen Potenziale einen deutlich höheren Kundennutzen bieten.
6. Was sind die Herausforderungen im Bereich „Nachhaltige Gebäude“ in den kommenden Jahren?
Maag: Die zentrale Herausforderung wird sein, energieautarke Gebäude oder Areale zu entwickeln, wo Bau, Prozess und Technik so aufeinander abgestimmt sind, dass man nicht mehr von externen Energielieferungen abhängig ist. Hier ist eine intelligente Kombination von Integration von erneuerbaren Energien, Energierückgewinnung und Energiespeicherung gefragt. Greenfield-Projekte zu realisieren ist da noch das geringere Problem. Die viel größere Herausforderung wird sein, bestehende Brownfields umzurüsten und auf einen energieautarken Status zu bringen.