Bei meiner Arbeit als Trainerin höre ich oft: Exzellenz sei ein überholtes Ideal aus ruhigeren Zeiten. Man sei doch im Tagesgeschäft bereits ausgelastet mit Krisen, Kostendruck und dauernder Veränderung – wann und wie sollte man da noch nach Perfektion streben? Das klingt zunächst einmal plausibel, beruht aber auf zwei Missverständnissen. Exzellenz hat nichts mit Perfektion zu tun. Sie meint nicht den Feinschliff für Image und Portfolio, sondern die Haltung, sich stetig verbessern zu wollen und dabei Reflexion und Veränderung zuzulassen. Exzellenz ist als Schlüsselkompetenz in Zeiten voller Unsicherheit unverzichtbar – und damit relevanter denn je.
Denn in einer Phase großer Veränderungen entscheidet nicht allein Fachwissen über Erfolg. Je beweglicher wir im Denken sind, desto eher gelingt es uns, das Richtige tun. Exzellenz als Haltung hilft, handlungsfähig zu bleiben, auch wenn sich nicht alles wissen oder planen lässt. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir uns weiterentwickeln und offen bleiben für neue Wege, wo die alten nicht mehr tragen. Statt innerer Blockaden wie „Das kann ich nicht“ schafft sie Offenheit. Wie dieser Perspektivwechsel gelingt, erlebe ich täglich bei meiner Arbeit. Als Verantwortliche für die Ingenics Academy weiß ich: Exzellenz als Haltung kann man lernen.
Exzellenz entsteht, wenn Denken beweglich bleibt.
Erst wenn Haltung in Können und Handeln übergeht, entsteht Exzellenz
Exzellenz entsteht aus dem Zusammenspiel von drei Bereichen: fachlich im Sinne von Fehlerkultur, Entscheiden und Problemlösen, sozial im Umgang mit anderen und emotional im Umgang mit sich selbst.
Interessanterweise liegt der Entwicklungsbedarf selten im Fachlichen. Die meisten Führungskräfte und Mitarbeitenden sind hier gut ausgebildet. Schwächen zeigen sich eher in anderen Bereichen: Probleme erkennen und lösen auf Basis unvollständiger Informationen, mit Komplexität umgehen, Prozesse verbessern. Gerade der emotionale Aspekt wird oft unterschätzt. Resilienz, Selbstwirksamkeit und die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, zählen heute zu den entscheidenden Kompetenzen. Exzellenz erfordert emotionale Wachstumskraft. Sie verlangt die Fähigkeit, Routinen zu brechen, Gewohnheiten loszulassen und Neues nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu sehen. Das Wichtigste aber ist, seine Wahrnehmung zu schärfen – als ersten Schritt, der Veränderung überhaupt erst ermöglicht. Kurz: Exzellenz entsteht, wenn Denken beweglich bleibt.
Führung in der Pflicht: Exzellenz lässt sich nicht verordnen und auch nicht delegieren
Führungskräfte spielen eine zentrale Rolle dabei, Exzellenz als Haltung im Unternehmen zu verankern. Wenn ich sage, Exzellenz lässt sich lernen, meine ich auch: Sie lässt sich nicht von oben verordnen und nicht delegieren. Exzellente Führung entsteht nicht, wenn Führungskräfte selbst Top-Performer bleiben wollen. Sondern wenn sie Orientierung geben und die Potenziale anderer entwickeln. Wenn sie Weiterbildung als festen Bestandteil ihrer Arbeit sehen – auch für sich selbst. Wenn sie Feedback nicht nur geben, sondern auch annehmen. Und wenn sie sich ihrer Stärken, Schwächen und Wirkung bewusst sind. Genau an diesen Punkten kann Weiterbildung ansetzen.
Entscheidend ist, Erkenntnisse in den Alltag zu übersetzen, neue Routinen zu etablieren – und positive Verhaltensänderungen zu bemerken und wirklich wertzuschätzen. Wer Probleme oder neue Ideen sanktioniert, statt sie als Lernchance zu nutzen, erstickt Exzellenz im Keim. Wer sie fördern will, sollte Lernbereitschaft, Reflexion und Beweglichkeit im Denken ermöglichen. Genau dort beginnt Entwicklung – und damit echte Leistungsfähigkeit.