Globale Unsicherheiten, steigende Produktionskosten und ein wachsender Fachkräftemangel stellen produzierende Unternehmen in Deutschland vor enorme Herausforderungen. Wer jetzt strategisch handelt, kann nicht nur Risiken abfedern, sondern neue Chancen erschließen. Mit einer klaren Ausrichtung in Operations und Standortstrategie lassen sich Resilienz stärken und Innovationspotenziale gezielt nutzen.
Wir erleben aktuell eine Rückkehr in die Zeit des Merkantilismus. Die internationale Wirtschaftspolitik ist zunehmend geprägt von Protektionismus. Die durchschnittlichen US-Zölle auf Warenimporte waren 2025 so hoch wie zuletzt Mitte der 1930-er Jahre. Neben Zöllen werden auch nicht-tarifäre Handelshemmnisse relevanter, etwa komplexe Regelwerke und nationale Standards. Diese erschweren zunehmend den freien Warenverkehr und erhöhen die Unsicherheit für produzierende Unternehmen. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, mit dieser ständigen Unsicherheit zu leben. Doch Abwarten und Nichtstun können wir uns nicht leisten. Unternehmen, die auf Stabilität warten, werden vom Wandel überrollt. Die wirtschaftspolitische Lage verlangt nach aktiver Gestaltung statt passivem Krisenmanagement.
Wirtschaftliche Lage in Deutschland: Wachstum unter Druck
Deutschland befindet sich in einer wirtschaftlichen Stagnation. Wir sind die Verlierer der Deglobalisierung. In den vergangenen zwei Jahrzehnte hat Deutschland – und insbesondere Baden-Württemberg – stark von der Globalisierung und dem schwachen Euro, der den Export beflügelte, profitiert. Doch diese Phase ist vorbei. Die Automobilindustrie – lange das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – kündigte allein in Baden-Württemberg den Abbau von über 110.000 Arbeitsplätzen an. Die Wachstumsprognosen sind rückläufig, und eine Trendwende ist nicht in Sicht.
Der demografische Wandel verschärft die Lage zusätzlich. Bis 2028 werden laut dem Institut der deutschen Wirtschaft in Deutschland rund 750.000 Fachkräfte fehlen. Der Fachkräftemangel ist also kein Zukunftsszenario, sondern bereits Realität.
Als Unternehmensberatung mit Hauptsitz in Ulm kennen wir die Herausforderungen unserer Kunden aus dem süddeutschen Raum genau. Baden-Württemberg steht exemplarisch für die industrielle Stärke Deutschlands. Aber auch für deren aktuelle Verwundbarkeit. Die Region trifft die Transformation der Automobilindustrie besonders hart.
Standortattraktivität: Deutschland im Mittelmaß gefangen
Unsere Studie „Benchmark internationaler Produktionsstandorte 2025“ zeigt ebenfalls ein ernüchterndes Bild: Deutschland liegt im Vergleich mit 30 anderen Ländern auf Platz 6. Hinter Kanada, Frankreich, Südafrika, Japan und der Slowakei. Deutschland ist im Mittelmaß gefangen.
Die Gründe dafür sind vielfältig:
- Hohe Produktionskosten: Die Lohnstückkosten liegen in den USA 32 % unter dem deutschen Niveau.
- Fachkräftemangel: Die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte sinkt rapide.
- Regulatorische Komplexität bremst Innovation und schnelle Umsetzung.
Drei Stoßrichtungen für robuste Wertschöpfung
Die Operations Strategy ist der zentrale Hebel, um Unternehmen resilient und zukunftsfähig aufzustellen. Drei Stoßrichtungen stehen im Mittelpunkt:
1. Restrukturierung
Unternehmen müssen ihre Standortpositionierung neu definieren. Das „neue Normal“ verlangt nach klarer strategischer Einordnung. Fixkosten müssen gesenkt, Entscheidungswege beschleunigt und Zielmärkte neu ausgerichtet werden.
2. Optimierung
Ganzheitliche Produkt- und Produktionsoptimierung beginnt in der Entwicklungsphase. Zielkosten müssen frühzeitig definiert und durchgängig verfolgt werden. Die Förderung der Innovationskraft ist dabei der Schlüssel.
3. Verlagerung
Ein strategisches und ganzheitliches Konzept des Production Footprints analysiert Volatilität, Transportkosten und Zölle. Vor jeder Verlagerung müssen Optimierungspotenziale in bestehenden Werken gehoben werden. Die Entscheidung für neue Standorte muss langfristig und datenbasiert erfolgen. Dabei können Simulationsmodelle und Echtzeit-Dashboards unterstützen.
Die Superpower der deutschen Wirtschaft: Innovation
Trotz aller Herausforderungen bleibt Deutschland ein Land mit Potenzial. Wir haben immer noch das beste Ausbildungssystem für Fachkräfte und mit der Exzellenzstrategie auch ein starkes Instrument für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung auf hohem Niveau. In den Bereichen Maschinenbau und Automatisierung spielen wir noch vorne mit, laufen aber Gefahr, abgehängt zu werden. Wir waren einst Automatisierungsweltmeister. Jetzt gilt es, das vorhandene mechanische Know-how mit Software und KI zu verknüpfen.
Das größte Potenzial liegt in der Innovationskraft. Der Innovationsindex der EU von 2025 zählt die meisten Regionen Deutschlands zu den starken Innovatoren und ordnet v. a. süddeutsche Regionen den „Innovation Leaders“ zu. Doch gerade diese Stärke muss neu gedacht und konsequent genutzt werden. Aktuell wird Innovation durch Datenschutz-Regulatorik und Fokus auf veraltete Technologien ausgebremst. Ideen und erste Pilotprojekte sind da. Ziel muss es sein, innovativen Ideen Raum zu geben und finanziell zu fördern.
Wir brauchen mehr Mut und weniger Krisenmodus. Die Unsicherheit wird bleiben. Die notwendige Resilienz entsteht nicht durch perfekte Lösungen, sondern durch einen stufenweisen Maßnahmenplan. Packen wir es an!